Positionspapier des Bundesverbandes NeuroRehabilitation e.V.

 

Präambel

Auf der Grundlage des SGB IX und unter Mitwirkung des BMGS hat sich der Bundesverband NeuroRehabilitation gegründet, der nach wenigen Wochen mehr als 100 medizinische Fachgesellschaften, Leistungserbringer in der neurologischen Rehabilitation und Betroffene selbst, vertreten durch die Verbände behinderter Menschen, sowie überregional tätige Selbsthilfegruppen umfasst. Der BNR vertritt insoweit rund 2,5 Millionen Partizipierende im Bereich der neurologischen Rehabilitation, die oftmals mangels eigener Artikulation durch schwerste Schädel-Hirnschädigungen ihre Interessen nicht vertreten können.
 
Das Gehirn steuert alle Bereiche menschlichen Daseins (Denken, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sehen, Hören, Motivation, Emotion, Planen, Handeln, alle Bewegungen incl. Sprechen, Schlucken, Gehen, Greifen und Atmen usw.). Schädigungen des Gehirns betreffen den Menschen deshalb besonders zentral und führen am häufigsten zu bleibenden Behinderungen. Eine Ausschöpfung der therapeutischen Möglichkeiten ist deshalb ethisch geboten, zusätzlich aber auch vor dem Hintergrund der durch Behinderung und Pflegebedürftigkeit verursachten Kosten volkswirtschaftlich sinnvoll. Nur wenn der Vielfalt der möglicherweise gestörten Hirnfunktionen bei der Behandlung auch die Vielfalt der therapeutischen Bereiche gegenübersteht, entspricht die Neurologische Rehabilitation den notwendigen Standards.
Wesentliches Element der neurorehabilitativen Behandlung ist die Ausschöpfung der Lernfähigkeit auch des geschädigten Gehirns in funktionsorientierten Übungstherapien zur Wiedererlangung verlorengegangener Fähigkeiten. Die dadurch angestoßenen Lernprozesse verlaufen langsam, die funktionellen Störungen sind vielfältig. Deshalb erfordert die neurologische Rehabilitation eine ausreichend langdauernde und multidisziplinäre Behandlung. Die Errungenschaften des medizinischen Fortschrittes in den Bereichen Neurologie, Neurochirurgie, Intensivmedizin und Notfallversorgung machen erst zusammen mit der neurologischen Rehabilitation Sinn.

Aufgrund der Besonderheiten der Neurologischen Rehabilitation fordert der Bundesverband NeuroReha Folgendes:

1. Freier Zugang zur Neurologischen Rehabilitation und Frührehabilitation
Da sich in der Neurologie die Rehabilitation unverzichtbar an die Akutbehandlung mit dem Ziel der Wiedererlangung der häuslichen Selbständigkeit und der Wiedereingliederung in Beruf und Gesellschaft anschließt, gilt hier:
Freier indikationsgerechter Zugang zur Neurologischen Rehabilitation ohne administrative Barrieren und Hindernisse.
 
2. Teilhabe am Gesellschafts- und Arbeitsleben
Der BNR verfolgt das Ziel, durch Rehabilitation die Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft zu verwirklichen und steht damit im Einklang mit dem Gesetzgeber (Umsetzung des SGB IX). Durch die demographische Entwicklung, die dadurch erforderliche Verlängerung der Lebensarbeitzeit und die damit einhergehende zunehmende Anzahl von chronisch kranken und behinderten Menschen ist u.a. der Erhalt der Arbeitsfähigkeit von steigender Bedeutung. Daher ist der Zugang zur indikations- und fachspezifischen neurologischen Rehabilitation mit dem Ziel der beruflichen und gesellschaftlichen Wiedereingliederung und Teilhabe bei Patienten jeden Alters, insbesondere natürlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sicherzustellen.

3. Neurologische Rehabilitation als Modell der integrierten Versorgung
Der erklärte politische Wille im Gesundheitswesen ist die Überwindung der sektoralen Grenzen durch integrierte Versorgung. Das bundesweit praktizierte Phasenmodell der neurologischen Rehabilitation (von der Akutversorgung über die Frührehabilitation schwerst betroffener Patienten bis zur ambulanten neurologischen Rehabilitation, der beruflichen Rehabilitation oder der aktivierenden Dauerpflege von Patienten ohne ausreichende Besserung) ist mit den medizinischen und leistungsrechtlichen Abgrenzungen vorbildlich und sollte deshalb beibehalten werden.

4. Qualitätsstandards sicherstellen
Wegen der Vielfalt der Hirnfunktionen erfordert die neurologische Rehabilitation ein interdisziplinäres Team von mehr als 10 therapeutischen Disziplinen unter fachneurologischer Leitung. Soll die neurologische Rehabilitation inhaltlichen Anforderungen genügen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sein, ist eine gewisse Mindestgröße der neurologischen Rehabilitationseinrichtungen erforderlich. Durch z.T. schon eingeführte Standards zur Struktur, Prozess- und Ergebnisqualität muss eine effektive, hochwertige und ausreichend lange Behandlung gesichert werden.

5. Ausreichende Finanzierung
Die neurologische Rehabilitation ist ein gutes Beispiel für gesicherte Bedarfsdeckung im Gesundheitswesen ohne wesentliche staatliche Zuschüsse. Die notwendigen und z.T. schon vereinbarten Qualitätsstandards müssen von den Kostenträgern ausreichend finanziert werden. Fallpauschalen werden den sehr heterogenen Krankheitsverläufen nicht gerecht.

6. Trägervielfalt und Wettbewerb
Wettbewerb und Trägervielfalt fördern Qualität. Ein Aufbau von Doppel- und Parallelstrukturen mit staatlicher Lenkung und Mitteln muss vermieden werden.

Wir appellieren deshalb an die politisch Verantwortlichen und die Rehabilitationsträger:
Durch zielgerichtete Mittelverwendung in der Neurologischen Rehabilitation Kosten in der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung zu sparen!
 
Auszug aus dem Koalitionsvertrag CDU, CSU, SPD – 11.11.2005

5. Gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen
Wir werden den in der Politik für behinderte Menschen eingeleiteten Prozess zur Verwirklichung einer umfassenden Teilhabe in der Gesellschaft fortsetzen. Die Unterstützung von Selbständigkeit, Selbsthilfe und  Selbstbestimmung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Gemeinsam mit den Ländern, Kommunen und den Verbänden behinderter Menschen werden wir die Leistungsstrukturen der Eingliederungshilfe so weiterentwickeln, dass auch künftig ein effizientes und leistungsfähiges System zur Verfügung steht. Dabei haben der Grundsatz „ambulant vor stationär“, die Verzahnung ambulanter und stationärer Dienste, Leistungserbringung „aus einer Hand“ sowie die Umsetzung der Einführung des Persönlichen Budgets einen zentralen Stellenwert. Wir wollen, dass die Leistungen zur Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitsleben zeitnah und umfassend erbracht werden. Hierzu bedarf es der effektiven Zusammenarbeit der Sozialleistungsträger.

Die berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen werden wir intensivieren. Wir wollen, dass mehr von ihnen die Möglichkeit haben, außerhalb von Werkstätten für behinderte Menschen ihren Lebensunterhalt im allgemeinen Arbeitsmarkt erarbeiten zu können. Dabei werden wir auch prüfen, wie die Eingliederungszuschüsse an Arbeitgeber ausgestaltet werden, um die Planungssicherheit für die dauerhafte Integration von behinderten Arbeitnehmern in neue Beschäftigung zu verbessern. Zur Verbesserung der Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen werden wir die mit den Tarifvertragsparteien und Verbänden entwickelte, erfolgreiche Initiative „job – Jobs ohne Barrieren“ fortsetzen.

Prävention, Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation

Die Prävention wird zu einer eigenständigen Säule der gesundheitlichen Versorgung ausgebaut. Mit einem Präventionsgesetz soll die Kooperation und Koordination der Prävention sowie die Qualität der Maßnahmen der Sozialversicherungsträger und –zweige übergreifend und unbürokratisch verbessert werden. Hierzu sind die Aktionen an Präventionszielen auszurichten. Bund und Länder müssen ergänzend zu den Sozialversicherungsträgern weiterhin ihrer Verantwortung gerecht werden.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist ein Gesamtkonzept der Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger, behinderter und alter Menschen notwendig. Leistungen müssen darauf ausgerichtet sein, Behinderungen, chronischen Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit entgegen zu wirken. Der medizinischen Rehabilitation kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Deshalb muß insbesondere der Grundsatz „Prävention und Rehabilitation vor Pflege“ gestärkt werden. Pflegebedürftigkeit darf nicht dazu führen, dass erforderliche Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und Teilhabe nicht erbracht werden.

Wir wollen die großen Volkskrankheiten wie Krebs und Herz- und Kreislauferkrankungen zurückdrängen. Hierfür werden wir die vorhandenen Erfassungssysteme optimieren, vernetzen und im Bedarfsfall ergänzen, um bundesweit valide Datenerhebungen zu gewährleisten.

Die Risikoerkennung und –bewertung von Arzneimitteln nach deren Markteinführung wird durch den Aufbau des Netzes nationaler Pharmakovigilanzzentren verbessert

 

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